Mittwoch, 27. Januar 2010

Süd Salatonien jetzt vorbestellen!

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Zaria Prophetia:
http://www.salatonien.de/index.php?article_id=117

Mittwoch, 23. Dezember 2009

Süd Salatonien - Band I - That's it!

Inhalt:

- Appetithappen
- Ein Weihnachtsmärchen aus Süd Salatonien (Kurzgeschichtenspecial zu Weihnachten!)
- Leseprobe (Kapitel 1-4 ; Rohfassung)

Appetithappen:


Viele Jahrtausende nach dem Untergang der Menschheit erhebt sich die nächste Evolutionsstufe intelligenten Lebens auf der Erde: Die Salatonier! In einer postapokalyptischen Welt der Unglaublichkeiten voller skurriler Kreaturen und unvorstellbarer Fabelwesen errichten sie auf den Ruinen des ersten Lebens ihre florierende Zivilisation. Doch zu Beginn der Ereignisse herrscht Aufruhr im Reich Süd Salatonien: Die Ankunft des mystischen Propheten Nostradanuss und seine verhängnisvolle Prophezeiung vom Ende der Welt veranlassen den Kaiser der vier Zentralreiche, alle Helden des Kontinents auf die Suche nach der Höhle des Schicksals zu entsenden... Zu dumm nur, dass bereits wenige Tage nach Erhalt der Botschaft sämtliche Recken des Landes bei sonderbaren Unfällen ums Leben kommen.

Die letzte Hoffnung Süd Salatoniens scheinen nun ausgerechnet der melancholisch-depressive, zynisch-sarkastische Choleriker und Hobby-Sadist Pein Eppel und sein ebenso erfolgloser wie idealistischer Begleiter und selbsternannter Leibwächter Starvarius zu sein. Nachdem die Botschaft des Kaisers durch Zufall in ihre Hände fällt, machen die beiden, der eine mehr, der andere weniger freiwillig, die Rettung der Welt zu ihrer neuen Aufgabe.

Stets unter Beobachtung der wachsamen Kampfnickeule und hauptberuflichem Geschichtenerzähler Schiel entfaltet sich auf ihrer Reise vor den beiden Protagonisten von attraktiven Wortwalen und lichtspeichernden Spiegeligeln, über lodernde Flammingos und die verdrehte Flexdexe bis zum Gott des Wahnsinns und dem Schicksaal persönlich das geballte Spektrum einer an Absurdität und Abwechslungsreichtum so nie dagewesenen Fantasywelt.

Doch schnell müssen die beiden Möchtegern-Helden feststellen, dass ihre facettenreiche Welt ebenso düster und gefährlich wie quietschbunt ist und politische Auseinandersetzungen, religiöse Differenzen und moralisch-philosophische Konflikte auf der Schattenseite der Medaille an der Tagesordnung stehen. Schritt für Schritt versinken sie tiefer in einer umfassenden Verschwörung und entdecken das Ausmaß einer der größten Bedrohungen, mit der sich Süd Salatonien je konfrontiert sah. Wer ist für den Tod der strahlenden Helden verantwortlich? Was hat es mit dem Schicksaal wirklich auf sich und... was ist eigentlich mit Nord Salatonien?


Autor: Jan Michalsky
Verlag: Zaria Prophetia
Erscheinungsdatum: Februar 2010
ISBN-10: 394151105X
ISBN-13: 978-3941511057


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Montag, 7. Dezember 2009

Ein Weihnachtsmärchen aus Süd Salatonien - Das besondere Weihnachtsgeschenk

Es war einmal vor vielen Jahren in einem beschaulichen Dörfchen am Rande des Schwanensees, da unterlief dem Magier Vilniuss ein so unglaubliches Missgeschick, dass die Leute noch heute staunend Raunen, wenn man seine Geschichte erzählt. „Was macht der da, Mama?“ fragte ein kleiner Karotenerjunge und deutete aus dem Fenster seines Zimmers auf den Turm, der schon lange vor der Entstehung des Dorfes auf den Wiesen am See stand. In unregelmäßigen Abständen knisterte und knallte es und bunte Farbfontänen sprühten aus den Dachfenstern in alle Richtungen in den Nachthimmel. Ängstlich zogen sich zwei Zimtschnecken in ihre Gehäuse zurück und eine Trampolintulpe suchte hopsend in einem Busch Unterschlupf.

„Geh wieder ins Bett Julius!“ keifte seine Mutter und gehorsam sprang die kleine Karotte auf und schlüpfte unter die Decke. Mit Nachthemd und Kerze in der Hand, schritt sie zum Fenster und beugte sich noch einmal heraus, anstatt die hölzernen Läden gleich zu schließen. Es knallte ein weiteres Mal und blaues Licht floss wie Wasser aus allen Fenstern, ergoss sich über das Feld und versickerte im Erdboden... drei weitere Tage leuchtendes Trinkwasser. Die Frau neigte sich weiter vor und warf einen Blick herab auf das Kopfsteinpflaster, wo eine Stadtwache mit dem Stiefel über den Boden schlurfte. „Solltet ihr nicht etwas gegen dieses Teufelswerk unternehmen?“ Der Wachmann bohrte in aller Seelenruhe in der Nase, wischte das Gefundene an seinem Wams ab und blickte schulterzuckend zum Fenster des Fachwerkhauses hinauf. „Ist doch nur Vilniuss. Der tut keinem was.“ Die Karotenerin schnaubte noch einmal verächtlich und schlug die Läden zu. Brummend rückte der Soldat den Eisenhelm zurecht und widmete sich wieder der Straße.

Unterdessen hustete Vilniuss einen weiteren Schwall Meteoritenstaub in sein Kämmerlein und versuchte sich die Reste des flüssigen Lichts aus dem wallenden Gewand zu schütteln. „Kuscheleichenborke war es also nicht...“ murmelte der zerstreute Magier zu sich selbst und bereitete eine neue Phiole vor. Während Alchemie im technologischen Gurkan belächelt und im religiösen Nabanees verfolgt wurde, genossen die Tränkemischer der unabhängigen Magier e.V. in Karotonien ein recht hohes Ansehen. Vilniuss griff ins Regal und schob ein paar Gläser und Fläschchen bei Seite, bevor er einen von vielen Lederbeuteln ans Mondlicht zerrte. Er sah genau aus, wie die anderen fünf neben ihm. Keiner vermochte zu sagen, wie ein Magier erahnen konnte, was sich tatsächlich darin befand. Doch bei der hohen Anzahl an Unfällen wussten sie das vielleicht auch gar nicht.

Das Glasröhrchen blubberte und schäumte, als die gealterte Erdnuss das klumpige Pulver in die Flüssigkeit bröselte. Behutsam nahm er es zwischen zwei Finger. „Ganz vorsichtig...“ er hielt sich die Phiole dicht vor die Augen und schüttelte sie in sanften Kreisbewegungen. Ein überraschender Knall! „Verdammt!“ fauchte der Zauberer, als ein KnickKnack-Vogel gegen die Scheibe des Dachfensters flog und ihm vor Schreck der Trank aus den Fingern glitt. Eine eher unspektakuläre Rauchwolke entwich dem zerspringenden Gläschen und für einen Augenblick wischte sich Vilnius erleichtert über die Stirn. Vielleicht würde ja diese Mal... zu früh gefreut.

„Kihihi!“ kicherte der Chaosgnom und fegte mit einem einzigen Flügelschlag das halbe Handwerkszeug seines Beschwörers vom Holztisch. Chaosgnome waren nicht gefährlich. Sie brachten lediglich Unordnung dahin, wo sie auftauchten. Aber Unordnung in das Alchemielabor eines Magiers zu bringen, DAS war gefährlich. Während sich das Wesen aus einer anderen Dimension im Labor der Erdnuss austobte, griff diese nach ihrem Besen und versuchte verzweifelt den Eindringling aus dem Dachfenster zu schubsen. Man mag schmunzeln über die Tatsache, dass nicht der verrückte Gnom das entscheidende Missgeschick auslöste, sondern Vilniuss selbst. Bei einem ungünstigen Streich fegte er eine Reihe Zutaten von seinem Regal, die sich auf dem Boden freudig blubbernd, knisternd und quietschend miteinander vermischten. Hierbei vermengten sich schlussendlich auch die kristallisierten Sonnenstrahlen mit dem Glühwürmchenextrakt. Eine ordnungsliebende Forscherin aus Gurkan hätte darüber nur belächelnd den Kopf geschüttelt, diese Ingredienzien nebeneinander im Regal aufzubewahren, doch Erdnüsse waren da... risikofreudiger.

In dem Moment wo Kristalle und Extrakt miteinander reagierten, erzeugten sie einen Lichtblitz, der alles übertraf, was jemals von einer lebenden Kreatur erblickt wurde. Das Licht, das vom Magierturm über ganz Süd Salatonien und bis in den Himmel hinaus strahlte, war so unvorstellbar grell, dass die drei Sonnen selbst für den winzigen Augenblick einer kosmischen Sekunde ihren Blick abwenden mussten. Zeit war jedoch ein trickreicher Geselle und was für eine Sonne nur eine Sekunde war, währte auf der Erde ganze drei Monate. So geschah es also, dass im immerwarmen Süd Salatonien zum ersten Mal seit der großen Zerstoßung der Winter einkehrte und die watteweißen Wolken das ganze Land vor Freude von oben bis unten mit Schnee bedeckten. Was aus dem Magier und seinem Chaosgnom wurde... das war für diese Geschichte nicht mehr wichtig.

Was für diese Geschichte wichtig war, spielte sich viele Kilometer südlich der Zentralreiche im friedlichen Weite Flur ab. Hier stand der kugelrunde Cucurbit Klaus vor der Tür seiner unscheinbaren Holzhütte, ließ den Schnee auf seine ledrige Haut sinken und breitete begrüßend die Arme aus. „Ho Ho Ho!“ Der Kürbis wollte vor Freude lachen, hatte aber den Mund vom Abendessen noch gefüllt und brachte nur Ho's statt Ha's hervor. Die Tür der Hütte öffnete sich erneut und aus dem warmen Licht trat eine Tomate mit Dreitagesbart und schlichtem Schäfermantel neben seinen Mitbewohner. Er richtete seinen Blick in den Himmel, staunte, als hätte er den Schnee gerade erst bemerkt und senkte das Haupt, um lachend den Kopf zu schütteln. „48 Jahre... und ich hab' schon angefangen, dich für verrückt zu halten...“ Der Cucurbit hielt die Hand auf, wartete bis sich einige Schneeflocken darauf gesammelt hatten und ließ sie wieder herabrieseln. „Ich hab' dir gesagt der Tag kommt.“ Niko, der Tomatole, nickte wortlos und schlenderte den Hang des Hügels, auf dem die Hütte stand, zu einem kleinen Schuppen im Tal hinab. „Ich hol' den Schlitten...“ rief er während er durch den schon knietiefen Schnee stapfte.

Klaus genoss den Moment noch für ein paar Atemzüge und schritt durch die offene Tür zurück in seine Hütte. Vom Speisesaal aus führten genau fünf Türen in andere Zimmer. Die vier Türen zu den Schlafkammern von Niko und Klaus, zur Küche und zum Bad wurden wie alle anderen mehr oder weniger regelmäßig benutzt. Die fünfte jedoch wurde so selten geöffnet, dass sich Staub auf der Klinke gesammelt hatte. Doch nun war der Tag da. Der Kürbis öffnete die Tür und trat in die dunkle Kammer dahinter. Der Raum war fast leer bis auf einen Holzschemel in der Ecke und einen Kleiderschrank gegenüber der Tür. Knarrend öffneten sich die alten Schranktüren seit Jahrzehnten zum ersten Mal und gaben ein verstaubtes Kostüm frei. Eine dunkelrote Hose mit weißer Krempe, ein gleichfarbiger Mantel mit weißem Kragen und eine Mütze mit Bommel. Dazu ein künstlicher Rauschebart aus Scharfswolle. Bevor er sich ankleidete, griff Klaus nach einem ungewöhnlich riesigen Bilderbuch, das auf dem Holzschemel lag. Als er es aufschlug, waren die Bilder kaum noch zu erkennen. Man konnte nur raten, doch man lag nicht falsch, wenn man es auf viele tausend Jahre schätzte. Es gab nicht mehr viel her, doch mit etwas Fantasie, konnte man daraus den Mythos eines alten Mannes entziffern, der bei Schnee und Eis in einem Schlitten durch die Welt zog und Geschenke an die braven Kinder verteilte. Heute wurde ein Mythos wiedergeboren.

Niko fühlte sich in seinem grünen Wichtelkostüm scheinbar weniger wohl, als er den Schlitten aus dem Schuppen den Hügel hinaufzerrte, wo Klaus in voller Montur durch ein dickes Buch voller Namen blätterte. Neben den zahmen Scharfen weideten auf den Wiesen vor ihrer Hütte auch neun Reh-ähnliche Krehe. Während Niko versuchte eben diese neun Wesen dazu zu bewegen, sich in den Schlitten spannen zu lassen, zerrte Klaus Sack um Sack aus dem inneren der Hütte und belud damit den geräumigen Mehrtürerschlitten. „Wird das nicht ewig dauern?“ fragte die Tomate und rappelte sich aus dem Schnee wieder auf, als ihm das sechste Kreh eine Kopfnuss verpasst hatte. „Nicht mehr als einen Monat.“ Niko stöhnte und setzte dem sechsten Kreh ein selbstgebasteltes Geweih auf den Kopf. Widerwillig versuchte das Zugtier es abzuschütteln, scheitert jedoch und gab es nach ein paar Minuten wie die anderen auf.

Eine gute Stunde nach Wintereinbruch waren Niko und Klaus zum Aufbruch bereit. Die neun Krehe waren vor den Schlitten gespannt, die Geschenke bereit und der bärtige Cucurbit mehr als motiviert. Der Tomatole öffnete seine Tasche und holte eine kleine Flasche hervor. „Ich brauche nicht zu erwähnen, dass das hier vermutlich nicht funktionieren wird.“ Klaus lachte nur auf. Skeptisch beugte sich der Möchtegernwichtel vor und goss die Ampulle gleichmäßig über die neun Tiere. „Dann hoffen wir mal, dass uns diese Waldweintraube da keinen Hokuspokus verkauft hat.“ murmelte Niko und steckte das leere Fläschchen zurück in den Lederbeutel. Der Kürbis nickte motiviert und ergriff die Zügel. Ein weiteres Wunder brachte die Glaubwürdigkeit Süd Salatoniens ins Wanken, als die neun Krehe den Boden unter den Füßen verloren und hektisch in der Luft strampelten. Sie flogen tatsächlich! Anders als erwartet, tat dies der Schlitten nicht. Die neun Tiere besaßen nicht die Kraft, das Fahrzeug in die Luft zu bringen und so strampelten sie engagiert schwebend über die Wiesen, während der Schlitten eine tiefe Furche ziehend hinterher geschleift wurde.

Glücklicherweise fehlte im Bilderbuch des Kürbisses der Teil, wie der Weihnachtsmann die Häuser betrat. Es wäre ein wahrlich schweres Unterfangen gewesen, wenn der Cucurbit tatsächlich versucht hätte, sich durch die salatonischen Schornsteine zu zwängen. So reisten der Kürbis und die Tomate in ihrem nicht flugfähigen Schlitten Tag für Tag von Haus zu Haus, klopften, sangen Lieder und beschenkten die zahlreichen Kinder der verschiedenen Völker. Sie zogen durch die weiten Wiesen von Nabanees und häuften ganze Geschenkberge vor den großen Kirchen der Bananen auf, hinterließen ein paar Rüstungsteile bei den tapferen Kokosnussrittern vom Schwanensee, schenkten jedem Einwohner Tomatoliens in ihrem Sinne das gleiche Geschenk und brachten sogar technische Spielereien zu den Gurkanern in ihrer riesigen Großstadt. Als Letztes besuchten sie noch Karotonien. Vilniuss schmunzelte über beide rußverschmierten Wangen, als er das Geschenkpaket mit einem brandneuen Satz Reagenzgläsern öffnete.

Nach schweißtreibenden 24 Tagen hatten Niko und Klaus auch die letzte Frucht in den Zentralreichen beschenkt und kehrten müde aber glücklich ins heimische Weite Flur zurück. Die Krehe flogen vergnügt von dannen, als der Wichtel ihr Zaumzeug löste und mit schweren Schritten torkelte der Cucurbit in die warme Hütte. Ächzend sackte er in seinem Sessel zusammen und ließ seinen Blick über den Esstisch wandern, der immer noch so gedeckt war, wie vor 24 Tagen. Auf dem Tisch stand eine Flasche köstlicher Rotwein. Noch ungeöffnet. Klaus wartete bis sein Helfer in die Hütte stapfte, die Holztür hinter sich schloss und im Sessel neben ihm seufzend platz nahm. Grinsend reichte ihm der kugelige Kürbis ein Gläschen und füllte es mit Wein. Während Klaus das Glas vor sich schwenkte und den rötlichen Inhalt betrachtete, dachte er an die Ereignisse der letzten 24 Tage und freute sich darüber, den Einwohnern Süd Salatoniens eine Freude gemacht zu haben. Da hatte er es sich verdient, die harte Arbeit mit einem Gläschen Wein abzuschließen... oder zwei... in dieser besinnlichen Weinnacht.

Süd Salatonien - Leseprobe (Kapitel 1 - 4)

Akt I (Rohfassung)
Kapitel 1


„Wieselflink huscht eine unscheinbare Gestalt durch die fetzenartige Wolkendecke und flattert dabei wie verrückt mit den deutlich zu kurz geratenen Stummelflügeln. Der kugelrunde Körper ist mit einem dichten Federkleid bedeckt aus dem nur der gelbe Schnabel und die riesigen runden Glubschaugen herausgucken. Bei genauerer Betrachtung erkennt man, dass es sich bei der sonderbaren Figur im Mittelpunkt unserer Geschichte um Schiel vom Volk der Kampfnickeulen handelt. Der Name vermag in die Irre zu führen, hat sie doch nur ansatzweise etwas mit einer Eule gemeinsam. Ihr Körper ist mit dem Kopf zu einer Kugel verschmolzen aus dem die typischen Vogelbeine gucken. Dies macht sie zum Kämpfen zu dick und zum Nicken zu plump. Der Kurs des aufgeweckten Wesens ist nicht klar zu erkennen, denn sie rast über den Schwanensee und die prächtigen Großreiche im Zentralland hinweg, gleitet über die kargen Ödlande und streift bei ihrer rasanten Reise über die Wüstenregion von Wasweißich knapp den Schnackerwald.



Noch ehe sie die vom Krieg gebeutelten Appellien im Süden erreicht, stoppt Schiel mitten im Flug abrupt ab, harrt unabhängig von den Gesetzen der Schwerkraft in der Luft aus und schmettert dann im rechten Winkel zu ihrer Flugbahn Richtung Erdboden. Wie ein Stein saust das Federvieh immer schneller dem sicheren Tod entgegen und beginnt erst wenige Meter, bevor sie ungehindert als unbedeutender Fleck auf den Wiesen der Weiten Flur in diese Geschichte eingeht, wieder mit den Flügeln zu schlagen. Einem Flummi gleich ditscht sie im saftigen Gras auf, verändert dabei kurzzeitig ihre Form zu einem platten Fladen, um wenige Momente später wieder nach oben zu federn. Mit jedem Aufprall verringert sich ihre Sprunghöhe ein wenig, bis sie schlussendlich auf den kurzen Beinen zum stehen kommt und nach einer raschen Phase des Ausvibrierens regungslos im Gras steht.


„Dann mal Ratz Fatz an die Arbeit!“ Befiehlt sich die merkwürdige Federkugel selbst und beginnt sich mit hüpfenden Bewegungen grazil durch das Gras zu arbeiten. Nach ein paar Sprüngen bleibt sie auf der Stelle stehen, dreht ihren Kopf um 90° Richtung Boden und geht in die Knie bis ihr Schnabel diesen erreicht. Während es ein Huhn beim Aufpicken von Körnern wesentlich leichter hat, ist dies die kreative Anpassung der Kampfnickeulen an ihren benachteiligten Körperbau. Sicher kein Vorteil der Evolution, doch die Gesetze der natürlichen Entwicklung gelten nicht für Süd Salatonien... nicht mehr. Nach diesem Muster durchkämmt Schiel systematisch die riesige Wiese um ihren Landeplatz.


Umrisse eines Schattens zeichnen sich auf dem Boden ab, als sich eine seltsame Gestalt aus der gleichbleibend schleierartigen Wolkendecke wühlt und majestätisch näher an die durchweg beschäftigte Kampfnickeule herangleitet. Ein nerviges Krächzen stört die himmlische Ruhe und erweckt kurzzeitig die Aufmerksamkeit des Suchenden, ohne dass dieser seine Arbeit zu unterbrechen wagt. Ein ca. 1,20 menschliche Meter großer Vogel setzt direkt neben der wesentlich kleineren Eule auf und rückt mit dem Flügel den etwas zu groß geratenen Zylinder mit rotem Streifen zurecht. Rotschleifen Schjchu Schjchus leben eigentlich vorwiegend im Nordosten, doch treiben sie Geschäftsreisen von Zeit zu Zeit in ferne Lande. Wie jeder seiner Art trägt er den wohl gepflegten schwarzen Frack mit weißem Hemd und einer schwarzen Fliege. Sein Gefieder ist königsblau, die Füße gelb und ebenso der Schnabel. Die gefiederten Giganten verteidigen seit Jahrhunderten in der Welt ihren Ruf als kompetente Hotelfachvögel und werden von allen Zivilisationen – Citorras und Cucurbiten aus gutem Grunde ausgenommen – vielerorts gelobt.


„Suchen Sie etwas bestimmtes? Ich wäre gerne bereit zu helfen.“ Fragt der Schjchu Schjchu und hüpft Schiel mit einer gewissen Anhänglichkeit hinterher. Die Kampfnickeule schüttelt wortlos den Kopf und sucht mit äußerster Präzision weiter. „Sie sind eine dieser Kampfnickeulen, nicht wahr?“ Die Betonung des Wortes „Kampfnickeule“ geht dem Vogel so beschwerlich über den Schnabel, dass nicht zu erkennen ist, ob diesem das Wort schlicht nicht geläufig ist, oder das betonen der einzelnen Silben tatsächlich eine gewisse Abfälligkeit in sich trägt. „Bin ich. Und beschäftigt bin ich auch.“ Grummelt der kleine Federball genervt und versucht mit zickzackartigen Hüpfbewegungen den Störenfried abzuwimmeln. Ungehindert pickt sie wieder und wieder mit dem Schnabel in den leicht feuchten Untergrund. Sie versucht dem Geschäftsvogel nicht in die Augen zu blicken, saß man nach so einem Gespräch doch im Handumdrehen mit drei unbezahlbaren Immobilienverträgen da. „Ich sah euch gerade und habe mich gefragt, ob es stimmt, was man über euer Völkchen sagt.“ Keine Antwort folgt von der kleinen Gestalt. Ein Fehler. Verleitet es doch den neugierigen Besucher zum Ausprobieren. „Zeigt doch mal!“ Schlagartig weiten sich panisch die Augen der Eule und mit unartikulierten Lauten versucht sie das Schlimmste zu vermeiden... zu spät. Mit seinem spitzen Schnabel pufft der blaue Vogel der überraschten Eule in die Seite. Ein Pusten, ein schrilles Pfeifen, aufs dreifache bläht sich der pummelige Eulenkörper auf - dann ein Knall. Eine peinliche Stille herrscht auf der Wiese während ein laues Lüftchen über die zarten Halme hinweg streicht. Im Umkreis von einigen Metern regnet es zahlreiche Eulenfedern und ein entblößter, pummliger Körper bleibt zurück. Verdutzt steht der Rotschleifen Schjchu Schjchu vor der kleinen Eule und schaut regungslos auf sein Werk. Schiels Ausdruck selbst ist wie versteinert und ihre Augen blicken mit einer Mischung aus Entsetzen, Scham, Wut und Depression in die Ferne. „Oh... eh... so spät schon? Wie die Zeit doch vergeht. Die Arbeit ruft! Lebt wohl und... viel Erfolg.“ Schon erhebt sich der Hotelfachvogel mit wenigen Flügelschlägen in die Lüfte, um so schnell wie möglich außer Sichtweite seines Opfers zu gelangen.


In raschem Tempo versinkt auch die dritte Sonne Süd Salatoniens hinter dem Horizont und noch immer steht Schiel gleichgültig und genervt, völlig ohne Bewegung auf weitem Feld und harrt aus. Nach nicht einmal 10 Minuten ist das Federkleid der Kampfnickeule fast vollständig nachgewachsen und als auch die letzte nackte Stelle bedeckt ist, beginnt sich das Knäuel wieder zu rühren und seine Suche fortzusetzen. Nicht, weil sie nicht früher gewollt hätte, sie konnte nicht. Ein klarer biologischer Nachteil. Auf einmal erklingt ein gellender Schrei. „Bei den taufrischen Wiesen hinter den Spitzbergen, da ist ES!“ Wild hüpft Schiel enthusiastisch im Kreis, wobei sich der obere Teil ihres Kopfes, der Teil, der die Augen trägt, nicht rührt. Dadurch beginnt sich der Körper der Eule langsam wie ein nasses Handtuch aufzuzwirbeln. Nach mehreren Umdrehungen halten die Füße still und blitzartig dreht sich der Kopf in die Ausgangsposition zurück. Erneut sticht der kleine Schnabel Schiels in den Erdboden und kommt wenig später mit einem roten Faden wieder zum Vorschein. Freudig auf- und abhüpfend verfolgt sie die Schnur über die halbe Wiese bis diese schlussendlich an einer Stelle im Erdboden verschwindet. Der Faden scheint hier an einer Art Eisenring befestigt zu sein. Flink schnappt sich der Schnabel der Kampfnickeule den Ring und beginnt mit aller Kraft daran zu zerren, bis eine Art Stöpsel aus dem Boden herausrutscht. Der darunterliegende Gang ist nicht einmal eine menschliche Faust breit und eigentlich viel zu dünn für den kugeligen Eulenkörper. Nichts desto Trotz flattert Schiel ein Stück in die Höhe, hält die Luft an und saust in die schmale Öffnung. Wild strampelnd beginnt sie sich durch den Tunnel zu zwängen und ihren flexiblen Körper nach allen Regeln der Kunst zu verformen.


Mit dem Geräusch eines frisch entkorkten Weines flutscht der sonderbare Vogel auf der anderen Seite in die geräumige Eingangshöhle eines größeren, unterirdischen Komplexes. Als sich die Augen des in der Regel nacht-aktiven Tieres an die Dunkelheit gewöhnen, taucht aus den Schatten der Unterwelt die Festung der Einsamkeit auf und erstreckt sich vor dem kleinen Federball in ihrer beeindruckenden Trostlosigkeit. Zu selten schaffte es ein Wesen diesen verborgenen Ort zu finden. So selten, dass dies zu einer Einsamkeit führte, die nur einen von vielen guten Gründen für die Trauer und Depression der Bewohner dieses unterirdischen Reiches liefert. Schon jetzt dringen deutlich die wehklagenden Schreie und das jammernde Gewimmer der Potatori an die Ohren der Kampfnickeule. Kaum zu glauben wie ein ganzes Volk ihre gesamte Existenz der Trauer verschreiben kann, denkt sich Schiel als sie an tropfenden Stalaktiten vorbei durch die Unterwelt flattert.


Unweit des kleinen Loches, durch das sie gekommen war, stehen zwei Potatori, deren Gestalt unweigerlich den Vergleich mit Kartoffeln anbietet und die, dies sei im Vertrauen gesagt, angeblich auch so schmecken, und blicken auf den immer schmaler werdenden Schein des Lichtes, der durch den sich schließenden Tunnel dringt. „Dieses Dasein, diese Schmach! Erlöse mich oh heiliger Schein! Erlöse mich!“ Schreit die Eine vor Verzweiflung in die ewige Nacht hinaus und rennt auf den Lichtstrahl zu. „Nicht! Dich erwartet das Schicksal der Gebrannten!“, Ertönt noch der verzweifelte Versuch der zweiten hinterher. Doch ihre Warnung bleibt unbeachtet, als sich die erste mit einem Satz in die glänzende Sonne wirft. Schon zeigen sich die Konsequenzen ihres unüberlegten Handelns. Beim Kontakt mit den grellen Strahlen verpufft die Kartoffel ohne Umwege in einem qualvollen Schrei zu einer stinkenden Aschewolke. Der andere Potatoru sinkt wie der Rest der Anwesenden in ihre kniende Ausgangsposition zu Boden und widmet sich erneut ihrem Gejammer, mit welchem sie in den Chor der Wehleidigen einstimmt. Unbeeindruckt, doch mit unbehaglichem Bauchgefühl passiert Schiel währenddessen die Tore der Festung.



Selbst die riesigen Pforten scheinen ein klagendes Gewimmer von sich zu geben, als sie Schiel den Weg in das Innere der finsteren Hallen eröffnen. Nur die Flügelschläge der Kampfnickeule erfüllen die gewundenen und verschachtelten Gänge mit Klang, in denen sich kaum ein Wesen befindet und erst recht keines spricht oder gar singt. Die Architektur des Gebäudes selbst scheint die Manifestation der Trauer darzustellen. Klagende Seelen und Bilder leidender Stammesbrüder zieren die solide verarbeiteten Wände und tränenförmige Gebilde aus Stein hängen aus der Decke in die gähnende Leere hinab. Die Feuchtigkeit der weit verzweigten Tunnel sammelt sich an diesen und tropft die Steinformationen hinab, so dass es beinahe den Anschein macht, die Festung selbst würde über ihr frustrierendes Dasein weinen. Unbehagen erfüllt den kleinen Federball, dessen Größe hier noch unscheinbarer wirkt und für einen Augenblick erwägt sie, doch noch den Rückzug anzutreten. Doch die Ereignisse drängen, denn Süd Salatonien sieht sich der größten Bedrohung aller Zeiten gegenüber und nur in den verborgenen Tiefen dieser Festung konnte noch Rat gefunden werden. So schluckt das puschelige Wesen mutig seine Ängste und Zweifel unter einem hörbaren Glucksen herunter und flattert wacker durch die Finsternis.


Die Gänge zeigen langsam aber sicher ein Ziel an und zwischen zahlreichen Säulen zeichnet sich in der Ferne andeutungsweise ein schwacher Schimmer ab. Zielstrebig saust Schiel durch die Stille dem Lichte nach. Zwar nimmt das zaghafte Scheinen mehr und mehr zu, doch lässt die Dunkelheit es von weitem deutlich größer erscheinen, als es tatsächlich ist. Zweifelsfrei ist die Quelle dieses Schimmerns nur ein sehr schwaches Licht, wirkt aber im Vergleich zur absoluten Finsternis um es herum wie eine kleine Sonne. Die finsteren Tunnel weiten sich und auf gähnende Leere folgt... weitere gähnende Leere. Den ausufernden Gängen folgend schließt sich eine Halle scheinbarer, vielleicht auch tatsächlich unendlicher Größe an. Augenblicke lang hält Schiel inne und zeigt sich von dem ihr dargebotenen Phänomen so beeindruckt wie erschrocken. Die Luft ist so angereichert mit Feuchtigkeit, dass es unentwegt mitten im Saal regnet. Während die Tunnel mit ihren hin und wieder herabfallenden Tropfen einen bedrückenden, vielleicht auch schwermütigen Eindruck hinterlassen hatten, erfüllt einen diese Halle zweifelsohne mit reiner und tiefster Depression. Nicht zuletzt im Anbetracht der Gewissheit, dass die tränengleichen Regengüsse niemals versiegen. Die Bilder von Leid und Elend, die die Gänge verunstaltet hatten, setzen sich in erstaunlicher Vielfalt an den unzähligen Säulen um die Halle herum fort. Ebenso zeigen sie sich auf dem verzierten Untergrund. Jeglicher Zweifel in Schiels Gedanken ist verflogen. Nun scheint es eindeutig: Dies ist der legendäre Trübsaal in der Festung der Einsamkeit, Zentrum der Stadt der Trauer.


Inmitten dieses Ortes der Hoffnungslosigkeit jedoch scheint das winzige Licht, dessen Schein noch weit in die Gänge der Festung hinein reicht. Ein Licht, das beim Näherkommen nur von einer einzigen, winzigen Kerze ausgeht, die auf einem flachen, silbernen Teller mitten in der Halle steht. Diese Kerze ist jedoch nicht der eigentliche Blickfang des Trübsaals, sondern ein riesiger, imposanter Spiegel, der so unantastbar und majestätisch wie man es von Königen kennt inmitten des Saales thront. Doch nicht die Umgebung spiegelt sich in diesem wieder, sondern farbenprächtige Bilder: Bilder aus der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft, begleitet von einer donnernden, gewaltigen Stimme:

Kapitel 2

Kapitel 2


[...]„Willkommen kleiner Freund. Das letzte Mal, dass ein Besucher in dieser Halle war, ist schon seeeehr lange her. Komm doch etwas näher und lass dich betrachten.“ Mit ihrem üblichen hoppelnden Gang, jedoch deutlich ehrfürchtiger, bewegt sich die, in der riesigen Halle nahezu verschwindend klein erscheinende, Kreatur den restlichen Weg in die Mitte des Saals und bekommt nun endlich die Gelegenheit dieses Wesen uralter Zeit aus der Nähe zu betrachten. Eingelassen in einen prunkvoll verzierten Rahmen dessen Herkunft und Material kein denkendes Wesen nur erahnen konnte, thront ein imposanter Spiegel im Mittelpunkt des Trübsaals. Das Glas der Scheibe ist trüb und wirkt wie ein Fenster in einen unbekannten von Nebel verhüllten Raum jenseits der bekannten Welt. An sich ließe sich an diesem Spiegel nichts Lebendiges erkennen, würde nicht diese ruhige und klar artikulierte Stimme hinter dem Glas mit der kleinen Eule sprechen. „Ich bin der Spiegel der Wahrheit, Artefakt aus uralter Zeit. Ich war da, als die Welt entstand und sah, wie sie wurde, bis mir das mächtige Götterbeben die Sicht für viele Jahrhunderte nahm und der Trübsaal meine neue Heimat wurde. Mit wem habe ich die Ehre kleiner Freund?“


Schiel zögert mit ihrer Antwort, da sie in tiefster Ehrfurcht erstarrt ist. Erst nach und nach beginnt sich der Schnabel der Kampfnickeule zu lösen und die ersten Worte hervorzubringen: „Mein Name ist Schiel, Erzählerkauz vom Stamm der Kampfnickeulen. Ich habe eine lange Reise hinter mir und suche Euch, oh ehrwürdiges Wesen auf, da Ihr nun die einzige Rettung für Süd Salatonien seid.“ Ein grübelndes Grummeln ertönte aus dem Nebel und lässt die Säulen des Trübsaals dumpf vibrieren. „Ja... Ich spüre große Dinge da draußen. Doch mein Blick ist getrübt. Ich kann alles zeigen was war, ist und wird... doch ich sehe nichts. Ich bekomme hier wie gesagt nicht oft Besuch also, was möchtest du wissen?“ Vorsichtig kommt der kleine Federball noch ein Stück näher an seinen imposanten Gesprächspartner heran und versucht in den undurchdringlichen Nebel zu blicken. [...]


In den Wolken hinter dem Spiegelglas zeichnet sich schemenhaft ein gastfreundliches Lächeln ab und weicht schimmernd einer schleierhaften Hand, welche die Kampfnickeule mit einer darbietenden Geste bittet, näher zu kommen. „Sprich frei und sprich wahr kleiner Freund. [...]. Warum genau suchst du mich auf?“ Schiel, die über die fesselnden Ausführungen des Spiegels für eine Weile ihren Beweggrund und dessen Dringlichkeit aus den Augen verloren hat, wird spontan zurück in die Gegenwart gerissen und beginnt nach mehrfachem nervösem Räuspern eine kleine Rede. Diese hatte sie schon seit einem guten Dutzend Flugstunden für diesen Anlass vorbereitet: „Wertes Artefakt vergessener Jahrtausende. Mein Name ist Schiel, Erzählerkauz vom Volk der Kampfnickeulen und ich bin hier, um euch demütig darum zu bitten, mir den Blick in die Zukunft zu gewähren.“ Der Spiegel lacht auf und seufzt zugleich. Dann zeichnet sich erneut der Umriss eines Gesichtes im schleierhaften Nebel ab, dass betrübt mit dem Kopf schüttelt. „Es tut mir leid kleiner Freund. Die Zukunft zu kennen ist ebenso ein Segen wie ein Fluch. Wer die Zukunft kennt, der kann sie verändern... der wird sie verändern. Und es ist nicht im Sinne des Schicksals, dass die Sterblichen in seine Geschicke eingreifen.“ Nervös trippelt die Federkugel auf der Stelle herum und wartet nur darauf, dass das Artefakt endlich ausspricht. „Ich bitte erneut um Verzeihung“ wirft sie mit angespannt zitternder Stimme ein „aber genau darum geht es... ich muss die Zukunft verändern, um das Schicksal, die Götter und ganz Süd Salatonien zu retten.“ Der Spiegel zieht hinter dem Schleier eine imaginäre Augenbraue nach oben. „Die Geschichte deiner Reise führt darauf hinaus, dass nur dein Blick in die Zukunft die Welt retten kann?“ Schiel fühlt sich verstanden und nickt eifrig. Für einen Augenblick brummt der Spiegel mit einer Mischung aus Interesse und Nachdenklichkeit. „Ihr Erzählerkäuze seid meisterhafte Geschichtenerzähler, richtig?“ Die Kampfnickeule versteht nicht so recht die Bedeutung dieser Frage, nickt aber dennoch selbstbewusst. „Ich mache dir einen Vorschlag. Erzähl mir deine Geschichte vom Beginn deiner Reise bis zu deiner Ankunft. Wenn ich erkennen kann, dass deine Rolle in dieser Welt wirklich so bedeutsam ist, werde ich dir deinen Wunsch gewähren.“ Schiel verschränkt die Flügel und legt mit einem herausfordernden Knacken den Kopf schief. Noch zwei Tage... das war zu schaffen. „Wenn das so ist, wäre es mir eine Ehre.“

Kapitel 3

Kapitel 3


Geduldig wartet der Spiegel während sich die wuselige Kampfnickeule auf eine scheinbar lange aber nicht minder aufregende Geschichte vorbereitet. Flink zupft sich Schiel einige der schnell nachwachsenden Federn aus dem pummeligen Körper und häuft diese unter sich zu einem kleinen Hügel an. Dabei versucht sie, mehr oder weniger erfolgreich, mit den Flügeln das selbst gebastelte Sitzkissen vor den Tränen des Trübsaals zu schützen. Diese unablässig herabfallenden Wassertropfen entfalten dabei für die kleine Eule einen ganz anderen frustrierenden Charakter. Nach einem kleinen Moment Pause hüpft die kleine Schiel blitzschnell in den Federhaufen und mummelt sich in die weiche Unterlage mit Blick zum magischen Spiegel der Wahrheit. Tief atmet der professionelle Geschichtenerzähler mehrfach stoßartig ein und aus und legt dabei die nicht ganz klar zu erkennende Stirn in tiefe Denkfalten. Dann erhebt sie endlich das Wort und beginnt mit ihrer wunderlichen Geschichte.


„Lasst mich euch von der Welt da draußen berichten, wie ich sie kenne. Merkwürdige Dinge gehen in der Welt vor sich. Dinge, an denen alle Völker von den Cucurbiten und Karotenen, über die Nabanen bis zu den Appelliaten alle Geschöpfe Süd Salatoniens beteiligt sind. Doch will ich mit meiner Geschichte dort anfangen, wo alles vor knapp 40 Tagen begann...


Schon als ich am Morgen dieses verhängnisvollen Sommertages auf meinem Baum erwachte, barg dieser mysteriöse Zeichen in sich. Es war erneut Blot Modin, der Tag an dem alle drei Sonnen zur gleichen Zeit in der Mittagsstunde am Himmel standen. Gerüchte über die Ankunft des Propheten Nostradanuss an der Westgrenze des Mittelreiches in Gurkan verbreiteten sich wie ein Lauffeuer in den Zentralreichen, so dass ich mich, neugierig wie ich seit jeher bin, auf den Weg zum Hofe Kaiser Gottliebs III machte. Die Karotenen führten in diesem Jahr den Vorsitz im Zentralrat der Vier.“ „Ja, die Karotenen spielten seit jeher eine große Rolle im Machtgefüge der Nationen.“ Warf der Spiegel seinen ergänzenden Kommentar in Schiels Geschichte ein. „Ähnlich den Bananen, gehörte auch das Volk der Karotten in der Entstehung der Welt zu den ersten Nationen, die vom Leben beseelt auf das Antlitz der Welt traten. Der erste unter ihnen war der berühmte und geliebte Kaiser Dietmar I und ihm folgten viele Brüder und Schwestern. Das Reich der Karotenen war reich an verschiedenen Landschaften und Bodenschätzen, jedoch schwer zu verwalten. So gab Kaiser Dietmar I in seiner Güte jedem seiner liebsten Brüder ein Stück Land und ernannte sie zu Fürsten. Mit der Zeit jedoch, als der glorreiche Kaiser verstorben war und die Thronfolge seines ältesten Sohnes nicht anerkannt wurde, zerstritten sich die Brüder und Schwestern und das Reich zerfiel in ein dezentralisiertes Splittergebiet aus zahlreichen Fürstentümern. Kämpfen die Fürstentümer noch heute gegeneinander um die Vormacht im Reich? Zu welchem Fürstentum gehört dieser Kaiser Gottlieb III?“


„…in den vielen Jahren die so vergangen sind waren die Fürstentümer geschwächt durch Krieg und Hunger und kaum eines war noch stark genug, sich allein in der Welt zu behaupten.“ Fügt die kleine Eule hinzu, während sie auf dem Federkissen hin und her rutscht, um die optimale Position für sich zu finden. „Aus der Asche dieses zerstörten Erbes Kaiser Dietmars I erhob sich Gottlieb III, ein Nachfahre aus der direkten Saftlinie Dietmars I, und bestieg den Thron des Fürstentums Groß Bereling. Die Fürsten erkannten in seiner Güte die Seele des längst verstorbenen Kaisers und priesen ihn in Ehren. So vereinte er die Teilgebiete zu einem großen Karotenenreich und wurde der neue Kaiser dieses blühenden Volkes. Inzwischen jedoch ist der Herrscher in die Jahre gekommen und das, ohne einen Sohn gezeugt zu haben. Die Karotenen bangten um ihr Reich und fürchteten sich vor einem erneuten Zerfall in Fürstentümer, doch... das sollte künftig kein Problem mehr darstellen.“ Auf Schiels Schweigen hin zeichnet sich ein deutliches, rotes Fragezeichen im Nebel des Spiegels ab. „Hierzu später mehr. Ich nehme sonst einen Großteil der Handlung vorweg.“ Der Prophet schlägt sich mit der imaginären Hand vor die imaginäre Stirn. Manchmal strapazierten die irrationalen Eigenarten der salatonischen Kreaturen seine rationale Geduld doch sehr. Doch er wollte sich nach 5000 Jahren nicht als schlechter Zuhörer entpuppen und lässt das Federvieh geduldig gewähren.


„Als ich mich gewaschen und geputzt hatte, dröhnten auch schon die Posaunen von den Wällen der kaiserlichen Festung über das Land und kündigten das Kommen des ungewöhnlichen Besuchers an. Die Anwesenheit einer Nuss in Süd Salatonien war seit jeher ein sehr seltenes Ereignis und so ließ ich das Frühstück ausfallen und begab mich unverzüglich, über die prächtigen Getreidefelder von Bereling hinweggleitend, zum Thronsaal. Auf dem Marktplatz verschärften sich die Gerüchte der letzten Tage, Nostradanuss sei mit üblen Neuigkeiten gekommen und nur der Kriegsrat der vier Reiche sei zu seiner Ankunft im Thronsaal geladen. Doch was wäre ich für ein Geschichtenerzähler, wenn ich diesem Ereignis fern geblieben wäre? Ein kleines Fenster, zur gering bewachten Seite der Mauer gewandt, war unachtsam offen gelassen worden und so drang ich heimlich durch das schillernde Mosaikfenster in die prachtvoll geschmückte Burg ein. In der Hektik des Augenblicks postierte ich mich unbemerkt auf einem schwach knarzenden Dachbalken über dem Thron, von dem aus ich gut sehen und noch besser hören konnte.


Bedrohlich quietschend schob sich das mächtige Burgtor in das Innere des Raumes vor und aus dem Schein der drei Sonnen trat der Prophet Nostradanuss in den schwach beleuchteten Thronsaal. In wallende weiße Gewänder gehüllt und durch einen langen grauen Bart gezeichnet, schlich der alte Mann vom Volk der Erdnüsse über den roten Teppich mit goldenen Rändern hinweg und verneigte sich ehrfürchtig vor Kaiser Gottlieb III, der ebenfalls von den Zeichen der Zeit angeschlagen, schwer atmend aber mit seinem stets gutmütigen Lächeln bekleidet, in seinem Thron saß. „Nostradanuss mein alter Freund! Wie lang mag das her sein?“ „Zwanzig...“ Nur röchelnd kam die Antwort aus dem Mund der Erdnuss, so dass diese sich erst ausgiebig räuspern musste. „Verzeihung. Zwanzig Jahre und vier Monate mein Herr. Auf den Tag genau.“ In Erinnerungen schwelgend nickte der große Kaiser, kam aber schnell zum Ernst der Lage zurück und sprach mit bestimmtem Unterton: „Jedoch sind wir nicht hier um alte Freundschaften zu pflegen. Die Boten berichteten, dass du Neuigkeiten von großer Wichtigkeit bringst. Was bedrückt dich alter Freund?“ Langsam wandte Nostradanuss dem weisen Herrscher den Rücken zu und schritt auf seinen gewundenen Stab gestützt in die Mitte des Thronsaales. Eine Handlung, die gewiss nicht jedem im Reich gestattet war. Mit einem Ruck wandte er sich herum und ein heftiger Wind schmetterte durch den Raum, riss Wandteppiche und Banner von ihren Verankerungen und ließ die langen Gewandungen des Propheten flattern. Den Stab hatte er weit von sich geschleudert und die Nuss bot einen verstörenden und beängstigenden Anblick, als sie sich in die Lüfte erhob. Eine von Donner und Blitzen begleitete Stimme, die selbst die mutigste Wache in Mark und Bein erschütterte, schmetterte durch die Halle:


Törichte Sterbliche

Hört meine Worte!

Es droht das Ende aller Tage!


Geht und schickt die tapfersten Helden,

Antworten in der Höhle des Schicksals zu finden.

Mut und Tapferkeit oder der Untergang droht

Es ist unvermeidlich!


„Du hast die Weißsagung eines Nusspropheten gehört?!“ Ist es lediglich Überraschung in der Stimme des Spiegels? Nein... da ist mehr. Angst? Vielleicht sogar Panik? „Nur wenige können von sich behaupten solche Worte vernommen zu haben. Die meisten ereilte zugleich ihr prophezeites Schicksal. Die Nüsse leben auf ihre eigene Entscheidung außerhalb der Zivilisation und wagen sich nur alle paar Jahrzehnte in die Zentralreiche, um wichtige Kund aus ihren Visionen zu verbreiten. Von ihren kamen nur Wenige von den Urbüschen herab und da sie es pflegen ihr Leben als Einsiedler zu verbringen, gibt es keine bekannten Dörfer in denen sich die Generationen fortsetzen. Doch diejenigen unter den Nüssen, die das Leben in der Einsamkeit gewählt hatten, erlangten dabei zuweilen erstaunliche philosophische und prophetische Kenntnisse. Manch einer behauptet, sie hätten ihre letzten Dörfer damals direkt an „den Rissen“ erbaut, die der Himmel bei seinem Sturz auf die Welt hinterlassen hatte und hätten ihre Weisheit direkt aus der magischen Kraft der Himmelsreste gezogen. Einige von ihnen sind vielleicht heute noch in eurer Welt bekannt wie zum Beispiel Nussferatu, Nostradanuss oder Konfuzinuss. Das Grün gewährt diesen asketisch lebenden Bewohnern der höchsten Gipfel und tiefsten Täler von Zeit zu Zeit Einblicke in seine Pläne und so traf schon manche Prophezeiung der Nüsse zu, wenn auch viele von ihnen dem Wahnsinn verfielen.“ Schiel nickt halbherzig. Wahnsinn und Weisheit befinden sich bei den Nüssen so dicht beieinander, dass wohl beides stets Hand in Hand geht.


„Als auch die letzte Silbe mit all ihrem Nachhall im Saal verklungen war, stürzte der Weise unsanft zu Boden. Sofort eilten zwei Wachen herbei, reichten ihm seinen stützenden Stab und halfen ihm wieder auf die Beine. Alle Anderen standen entsetzt in der Halle, die von Totenstille erfüllt war. Niemand wagte es für einen Moment auch nur ein einziges Wort über dieses ungeheuerliche Ereignis zu verlieren. Dann jedoch begann schlagartig panisches Diskutieren und ein wilder Streit zwischen den Gelehrten und Generälen der großen Reiche. Kaiser Gottlieb III saß nachdenklich in seinem Thron und gab kein Wort von sich, bis er schlussendlich mit einem einzigen Ausruf Einhalt gebot. „Sendet Botschaften aus!“ sprach der weise König als Ruhe im Raum eingekehrt war. „Berichtet den größten Helden aller Reiche von der Prophezeiung! Die Höhle muss gefunden und das Schicksal um Rat gefragt werden.“ Zustimmend untermalte der weise Nostradanuss den Befehl des Königs mit einem Nicken und öffnete eine unscheinbare ebenfalls weiße Tasche aus der er ein ganzes Bündel versiegelter Pergamente zog. „Ich hatte auf diese Entscheidung ihrer Majestät gehofft und diese Botschaften verfasst. Sie können sofort an die Helden entsandt werden.“ „Dann sei es so!“ tönte Gottlieb III zufrieden „Es ist höchste Eile geboten! Bemannt die Eilpostgeschütze!“ Das letzte Wort war schon nicht mehr zu verstehen, als unverzüglich die Weisen und Krieger aus der Halle des Karotenenherrschers strömten, um dessen Befehl nachzukommen. Das war es! Der Beginn einer großen Geschichte und ich hatte die freie Wahl. Alle Helden des Landes brachen auf die selbe, abenteuerliche Mission auf und ich würde einen von ihnen begleiten. Doch wen? Süd Salatonien hatte lange keinen Helden verschleißenden großen Krieg mehr gesehen und so bot sich eine reiche Menge an vielversprechenden Teilnehmern für meine nächste Geschichte an. Schlussendlich traf ich meine Wahl und machte mich auf den Weg zu einem der meiner bescheidenen Meinung nach vielversprechendsten Helden Süd Salatoniens: Tjal, der tollkühne Tomatole! So flog ich gen Süden...“


„Sonderbar...“ Unterbrach der Spiegel. „Vor dem Götterbeben, als mein Blick noch weit in die Welt gewandt war, lag Tomatolien noch im Norden der vier Zentralreiche. Ein interessantes Volk, wenn auch ihre Geschichte sehr schnell erzählt ist. Wie so viele der Urvölker des zweiten Lebens begannen die Tomaten ihr Imperium mit der Monarchie. Ein guter König von kräftigem Tomatenmark führte das Reich an und ließ es zu höchster Blüte gedeihen. Als er jedoch in sehr hohem alter starb, entschied sich das Volk dazu, das Herrschaftssystem nach den Vorbildern eines großen Philosophen zu gestalten. Anders als die Nabanen beschlossen die Tomatolen ein einheitliches Volk zu gründen und persönliches Eigentum abzuschaffen. Dieses Prinzip setzte sich interessanterweise ausgesprochen gut in der Gemeinschaft durch und nur wenige Tomaten rebellierten und verließen schlussendlich das Land, um eine kleine Kolonie im Westen zu gründen. Ist es nicht so?“ Vergewissert sich der Spiegel, dem sein veraltetes Wissen inzwischen doch sehr am Ego gekratzt hat. „Bis aufs Wort.“ Klingt es prompt aus dem Schnabel des Federballs, der sich aus körperlicher Unausgeglichenheit im Laufe des Gesprächs auf den Kopf gestellt hatte und darauf rotierend ein quietschendes Geräusch erzeugt. „Und Tomatolien liegt noch immer im Norden. Tjal war stets bewusst, dass er zu höherem bestimmt war als sein Leben als einer von vielen zu fristen. So zog er sich, wie viele Exilanten seiner Art, nach Süden in die Weite Flur zurück.


Mit engagiertem Flatterflug erhob ich mich über die unaufmerksame Masse von meinem Dachbalken und glitt federleicht durch das immer noch geöffnete Mosaikfenster in die Außenwelt. Rege Panik herrschte auf dem Marktplatz Berelings. Wenn der Kriegsrat tagte und dieser nach der Ankunft eines Propheten in solche Hektik ausbrach, musste etwas Bedrohliches in der Luft liegen. Die einen schrieen „Die Tomatolen kommen! Seht in euren Kellern nach!!“ Doch dies war selbstverständlich unsinnig... oder zumindest sehr unwahrscheinlich, da Karotenen und Tomatolen seit Jahrzehnten oder länger in Frieden miteinander lebten. Ein anderer brüllte „Schützt die Königin!“ wieder einer „Das Ende ist nah! Außerweltliche erobern Süd Salatonien!“ darunter verkündete auch ein Marktschreier diese wirre Botschaft. Ich jedoch bahnte mir ungehindert meinen Weg über die Köpfe der Einwohner hinweg zum südlichen Verteidigungswall. Noch bevor ich über die Zinnen der letzten Verteidigungslinie Karotoniens hinweg glitt, hörte ich das gewaltige Donnern der Postkanonen. In besonders eiligen Fällen wie diesen, wurden Pergamente in Kristallkugeln oder Metallzylinder verpackt und mit riesigen Geschützen mehr oder weniger präzise in die Briefkästen der Empfänger quer durch das Land geschossen. Dies war wahnsinnig teuer und brachte die Gefahr mit sich, dem einen oder anderen Adressaten das halbe Haus wegzureißen. Deshalb wurde es sehr selten praktiziert.


Ich erhob mich über die Stadtmauern, die majestätische letzte Bastion gegen einen möglichen Ansturm aus den Appellien hinweg und verließ das Großreich um Bereling in eiligem Flatterflug. Die Dörfer und Kleinstädte des glorreichen Karotoniens zogen an mir vorüber und recht ereignislos näherte ich mich ungehindert der Südgrenze des Landes.


Auf dem Weg dorthin überflog ich ein kleines Ritterheer, das scheinbar eine Burg belagerte. Ein etwas in die Jahre gekommene Karotener erhob vom obersten Dachfenster aus seine eiserne Faust und rief dem Gesandten wütend zu, dessen Herr möge ihn im Arsche lecken. Ansonsten blieb die Reise bis zu den hohen Hügelketten, welche die Grenze zu Nabanees markierten, einen erzähltechnischen Zeitsprung wert. Wie ihr sicher wisst weiser Spiegel, sind die Zentralreiche in vier Großgebiete aufgeteilt von denen Karotonien im Osten liegt, im Norden, wie ihr bereits sagtet, grenzt das Reich Tomatolien an dieses und schließt gen Westen nach Gurkan ab. Südlich werden Gurkan und Karotonien von Nabanees begrenzt. In der Mitte dieser vier kreisförmig angelegten Reiche liegt der Welten- oder Zentralsee mit der Schwanenfestung und seinen ruhmreichen Verteidigern Süd Salatoniens. Dort versammeln sich die Völker zum Jahresende, um ihren persönlichen Göttern für das vergangene Jahr zu danken und um einen Segen für das nächste zu bitten. Doch ich schweife ab.


Die Hügelkette war nur eine gedachte Grenze. Karotenen und Nabanen waren trotz ihrer Gegensätzlichkeit starke Verbündete und gerade in den Grenzdörfern traf man viele Hütten des jeweils anderen Reiches an. Kurz bevor ich den Wall passierte, bemerkte ich noch den Schrein der Begegnung, von dem ich schon so oft gehört hatte. Hier auf dem höchsten Hügel der Kette zwischen den Reichen trafen sich Karotenen und Nabanen unabhängig von den anderen Völkern, um ihre Freundschaften zu festigen und Hochzeiten zwischen den Reichen zu feiern. Gute alte Zeiten“ „Was?“ „Nichts nichts.


Dann tauchte ich endlich in die Schönheit Nabanees ein. Zahlreiche putzige Dörfer, keines natürlich ohne eine Kirche, zierten meinen Weg nach Süden. Die Hauptstadt Nevark lag dabei leider nicht auf meinem Weg, doch diese, berühmt im Salatonischen Reiseführer aufgrund ihrer 125 Kathedralen, hatte ich bereits im vorigen Jahr besucht. Auf meinem weiteren Weg beobachtete ich noch ein lustiges Schauspiel: Auf einem Feld, einige Kilometer vor der nächsten Südgrenze, trafen Soldaten in verschiedenen Farben aufeinander und schlugen spaßeshalber mit harten Salamiwürsten und gefrorenen Forellen aufeinander ein. Dieses Spiel sollte die Einwohner Nabanees immer wieder an den scheußlichen Bürgerkrieg erinnern, in dem sie ihre Freiheit erlangt hatten.


Schon von weitem erblickte ich den riesigen Verteidigungswall, den die vereinten Völker der Zentralreiche nach dem großen Bärenkrieg errichtet hatten. Mehrere Meter ragte das gigantische Bollwerk am Horizont in den Himmel und schied die Zentralreiche gegen den Rest Süd Süd Salatoniens ab. Der imposante Eindruck, den der riesige Wall stets auf mich machte, ließ mich vor Unachtsamkeit beinahe an den gewaltigen Zinnen des Kriegsbauwerks zerplatzen. Nur knapp glitt ich über den Kopf eines Karotenensoldaten hinweg, der hier Wache hielt. Seit seiner Errichtung wurde der Wall von allen Völkern des inneren Reiches verteidigt, auch wenn es seit Jahrzehnten nicht mehr zu einem Angriff gekommen war.


Ab hier ging die Reise schneller voran. Vor fast einem Jahrhundert hatte eine engagiertes Reiseunternehmen von Grünschleifen Schjchu Schjchus in Süd Salatonien landesweite Windtunnel errichtet. Hierbei machten sich clevere Sturmarchitekten die verzwickten Windströmungen des Süd Salatonischen Himmels zu nutze und lenkten diese mit gurkanischer Technologie in feste Transportrouten. Diese halfen nicht nur allen möglichen Schjchu Schjchus bei der Bewältigung ihrer Geschäftsreisen, sondern beschleunigten auch die Paketlieferung und als erfreuliches Nebenprodukt die Reisezeiten von allem, was sich glücklich schätzen konnte über ein gesundes paar Flügel zu verfügen. So hielt ich die Luft an und tauchte durch den wirbelnden Wolkenkanal, der mich rasant weiter in den Süden transportierte.


Mit etwas Aufmerksamkeit konnte man auch noch durch den Windtunnel hindurch das Land unter sich erkennen. Im Süden des Landes hinter dem Verteidigungswall zeigte sich die Welt wie üblich von seiner schlechtesten Seite. Die Randgebiete, die einst zum Reich Nabanees gehörten, waren im großen Krieg größtenteils vernichtet und aufgegeben worden. Dort wo einst ebenso blühendes Leben wie in den Zentralreichen herrschte, finden sich heutzutage nur noch Ruinen alter Dörfer und Städte, verfallene Kirchen, verdorrte Felder und die Überreste der zahlreichen Toten von Bären, Nabanen, Karotenen, Appelliaten und dem einen oder anderen Tomatolen. Hurtig beschleunigte ich meine Flügelschläge, um dieses verfluchte Land, in dem angeblich noch immer die Geister der in der Schlacht Verstorbenen hausen sollten, hinter mir zu lassen und kam früher als erwartet an die Grenze der Ödlande.


Hier im Süden der Welt, hinter den verfluchten Randgebieten und noch vor dem Imperium der Bären, den ehemaligen Appellien, befand sich „Weite Flur“. Ein Gebiet reicher an Schönheit als die Zentralreiche und fernab jeglicher Technologie, Politik oder Religion. In der Weiten Flur hausten die Einwohner Süd Salatoniens, die sich nicht so recht in die Gesellschaft einfügen wollten. Kolonien der Tomatolen, vereinzelte Nabanengilden, hin und wieder ein Karotenenstamm oder eingeborene Cucurbiten, die mit ihren Verwandten doch so rein gar nichts gemeinsam hatten. Die Völker hier waren weder hoch entwickelt, noch besonders wohlhabend. Aber sie waren glücklich in ihrer Abgeschiedenheit und so war Süd Salatonien in seiner Gesamtheit zwar längst nicht perfekt, doch wer entschieden danach suchte, fand einen bestmöglichen Kompromiss für sich. Hier fernab der Eingliederung in die Gemeinschaft konnte der individuelle Geist sprießen und hier wurden auch die meisten Helden geboren. Astor, der heroische Stammesführer einer Karotenensippe, Qutzlko, der schamanische geistliche eines Cucurbitenhaines und auch Tjal, der tollkühne Tomatole.


Letzterer war in meinen Augen stets der größte Held gewesen. Mit nicht einmal fünf Jahren hatte er sich in die Einsiedlerei zurückgezogen und hier mit zehn Jahren einen hundertköpfigen Stoßtrupp der Bären abgewehrt, der nach Nabanees zog. So sagt man auch, dass nicht der riesige Südwall, sondern Tjal der Grund war, aus dem die Bären ihren Jahrezehnte andauernden Invasionsversuchen ein Ende setzten. Im jungen Alter von 12 Jahren machte er sich mit zwei Gefährten auf in die untersten Höllen von K’marr’Z’durr’ und drängte die unbezwingbaren Feuer in den Rachen des Finsterwurmes zurück. Und als die Unbekannten aus den Spitzbergen an den Westgrenzen des Reiches gesehen wurden, führte Tjal einen tapferen Kreuzzug gegen die Schatten, trieb diese für zahlreiche Jahre zurück und verlor dabei selbstlos sein rechtes Auge. In den letzten Jahren war es sehr ruhig um den Recken geworden, da Süd Salatonien die Bedrohungen ausgingen. Die Kriege der moderne wurden auf dem Schlachtfeld von Politik und Bürokratie ausgetragen und in beidem war das Schwert nicht mehr gefragt. Ohnehin hielt sich Tjal so weit es für einen Helden möglich war, aus den Geschehnissen der Zentralreiche zurück. Zuletzt war es seiner Hand zu verdanken, dass die Cucurbiten beim Freudenfest der tausend Sommer, das einzige Ereignis, dass sie leichtfertig aus ihrem Versteck lockte, nicht vollständig von den Schjchu Schjchus vernichtet wurden und nahezu unversehrt wieder in den Untergrund fliehen konnten.“


Der Spiegel seufzt und deutet ein schleierhaftes Kopfschütteln an. „Wenn ich es einem Volk gewünscht hätte, dass sich ihr Schicksal in den vergangen Jahrzehnten zum besseren gewandt hätte, so wären dies die Cucurbiten. Das erste Lebewesen des großen zweiten Anfangs, das vom Odem des Grüns beseelt eigenes Leben entwickelte, war Ismael, der erste Kürbis. Die Cucurbiten waren die wohl intelligentesten Einwohner Süd Salatoniens, da sie einen Intellekt besaßen, der ganz verschieden von dem war, den das Grün seinen Kindern schenkte. Sie sind ein geselliges Volk und verschwenden keinen Gedanken an Krieg und politische Verwirrungen. Ihre Leidenschaft gilt der Mathematik und dem logischen Kalkül. Ihre Intelligenz bescherte ihnen ein besonderes Händchen für die finanziellen Verwicklungen der Reiche und so verhalfen sie nicht selten der einen oder anderen Nation zu plötzlichem Wohlstand. Die Cucurbiten leben weit verstreut in Salatonien. Die kugeligen Wesen nahmen sich ihren Beruf so sehr zu Herzen, dass sich ihre Erscheinung im Laufe der Generationen einem bestimmen Klischee annäherte. Sie trugen durchweg lange weiße Bärte, dicke Geldsäcke für die Geschäfte auf dem Rücken und schwarze Sakkos mit passenden Zylindern für die Optik. Nach Hunderten von Generationen war dieser Brauch ihnen so in die Gene übergegangen, dass jeder kleine Kürbis schon mit Bart, Zylinder und Geldsack auf die Welt kam und lieber sterben wollte als eines von ihnen abzugeben.


Viele Jahrhunderte blieben die „neuen Völker“ Salatoniens unter sich. Sie gerieten, wie es der Lauf der Dinge nun einmal war, in den einen oder anderen Konflikt, jedoch nichts, was das Antlitz der Welt oder die Konstellation der Gemeinschaften nachhaltig beschädigte. So existierten sie Generation um Generation weitestgehend ruhig nebeneinander. Doch irgendwann im Laufe der zweiten Ära wurde den Salatoniern klar, dass sie nicht alleine auf der Welt waren. Wesen der alten Zeit hatten in geringen Zahlen in den Höhlen und Felsklüften auf abgeschiedenen Inseln außerhalb Süd Salatoniens überlebt und sich dort angesiedelt und weiterentwickelt. Da jegliche Konkurrenz bei der Vernichtung des ersten Lebens ausgelöscht wurde, konnten sich die wenigen Überlebenden frei entwickeln und so brachten sie Kreaturen hervor, die so unglaublich waren, dass sie den Wesen der alten Welt kaum noch ähnelten. Und wenn ich dir nun von den Cucurbiten berichte, muss ich unweigerlich auch von denen sprechen, die als erstes nach Süd Salatonien zurückkehrten.“ Schiel lauscht aufmerksam. Kennt sie diese Geschichte doch nur aus bruchstückhaften Erzählungen.


„Eines Tages, zu Beginn der zweiten Ära des zweiten Lebens nach der großen Zerstoßung, drangen Gerüchte über merkwürdige Kreaturen von den Einsiedlern im Nordosten her in das Zentralreich vor, in dem Karotenen, Nabanen, Tomatolen und Gurkaner sich die Herrschaft teilten. Die vier Mächte trafen sich in diplomatischer Mission und beschlossen einen Abgesandten aus jedem Reich in die Berge des nördlichen Ostens zu schicken und über diese Wesen zu berichten. Und so rückte die Gemeinschaft der vier Diplomaten aus, um eine erstaunliche Entdeckung zu machen:


Noch ehe sie die Randgebiete erreichten, trat ihnen ein Schwarm der geflügelten Neuankömmlinge in ebenso diplomatischer Mission entgegen, in welcher sie selbst gekommen waren. Die Rückkehrer stellten sich als Schjchu Schjchus vor und waren etwa 1,20m große Vögel mit blauem Gefieder. Gekleidet in einen langen schwarzen Frack mit weißem Hemd und schwarzer Fliege machten sie dabei einen äußerst intelligenten und zivilisierten Eindruck, der sich auch bestätigte, als sie sich, nicht ganz ohne vor Stolz geschwelltem Gefieder, als studierte Diplomhotelfachvögel auswiesen. Da sie von sich selbst behaupteten, friedlicher Absicht zu sein, hieß sie die Gesandtschaft der vier Völker im Reiche Salatoniens willkommen und innerhalb weniger Wochen boomte die Hotelkette der Schjchu Schjchus im gesamten Zentralreich. Am ausgiebigsten machten die Citorras von den Unterkünften Gebrauch, da sie über ihren zum Teil bemerkenswerten technologischen Stand, der den Gurkanern sehr nahe kam, jegliches handwerkliche Talent verlernt hatten und zum Erbauen von Häusern nicht mehr in der Lage waren. Ironischerweise zählten Citorras zur bevorzugten Nahrungsquelle der großen Vögel, so dass diese einen unfair profitablen Deal herausschlugen und Unterschlupf suchenden Citorras Unterkunft und Fraßschutz gegen horrende Summen anboten.


Doch so glimpflich traf es leider nur die Citorras. Eine der wichtigsten Eigenarten der Schjchu Schjchus war nicht der Frack, das Hemd oder die Fliege, sondern der Zylinder. Dieser war von einem bunten Band umgeben, dessen Farbe das Erkennungszeichen der verschiedenen Familien darstellte. Jede Schjchu Schjchu Familie oder Kaste hatte ihre eigenen speziellen Eigenschaften: Rotschleifen Schjchu Schjchus waren geschickte Empfangsvögel, Blauschleifen Schjchu Schjchus kannten sich gut im Verwalten der Finanzen aus, Grünschleifen Schjchu Schjchus waren hervorragende Raumgestaltungs- und Innenausstattungsvögel und so weiter. An dieser Stelle jedoch gilt es das komplizierte Geburtsritual der sonderbaren Zuwanderer zu erwähnen:


Wenn ein Schjchu Schjchu Pärchen Nachwuchs bekam, legte das Weibchen ein bereits 1,20m großes Ei. In diesem befand sich ein perfekt ausgewachsenes Schjchu Schjchu Küken mit Frack, Hemd und Fliege… jedoch ohne Zylinder! Ohne einen solchen waren die Schjchu Schjchus aber nicht lebensfähig und so hatte das Männchen nach dem Legen des Eis noch eine gute halbe Stunde Zeit einen frischen Zylinder zu besorgen. Panisch flatterte also solch ein werdender Vater durch das Zentralreich Süd Salatoniens, um sein Junges zu retten und erblickte dabei einen spazierenden Cucurbiten. Dieses Treffen führte unweigerlich zu einem kulturellen Konflikt: Da die Schjchu Schjchus sehr direkte Wesen und im Anbetracht der Situation recht forsch waren, deuteten sie nur fuchtelnd auf den Zylinder und krächzten so etwas wie „Her damit!“ oder „Gib mir das!“. Diese Umgangsformen jedoch waren für Cucurbiten höchst abstoßend und so erwiderten sie dies nur selten mit einem Einverständnis. Auf diese Weise schrumpfte die Zahl der hoch entwickelten Cucurbiten beträchtlich, ohne dass es eines der anderen Völker wagte gegen die Zuwanderer aufzubegehren. So waren die Bankiers und Steuerberater des Landes gezwungen in den Untergrund zu fliehen und in Kellergewölben und Zwischenwänden zu hausen. Gleichsam reduzierte sich auch die Anzahl der Schjchu Schjchus, so dass sich die beiden Völker stets gegenseitig bedingten.“


„Ein ebenso tragisches wie absurdes Schicksal für ein so großes Volk.“ Ein zustimmendes Grummeln des Spiegels. Schiel traf den Nagel auf den Kopf. Der Besucher schüttelt sich die Feuchtigkeit des Saales notdürftig aus dem Gefieder, rückt das Kissen zurecht und fährt erneut mit seinem Teil der Geschichte fort.


„Nun gut. Nachdem weite Teile der vor Wundern strotzenden Weiten Flur hinter mir lagen, erspähte ich vor mir eine kleine Hütte, abseits der Dörfer, nur an einem alten Feldweg gelegen. Das Dach war frisch mit Stroh gedeckt worden und aus dem kleinen Schornstein stieg eine friedlich wogende Rauchschwade auf. Kurz vor der Türschwelle lag eine geöffnete Kristallkugel, die eine Furche in den Boden und den verzierten Briefkasten weg gerissen hatte. Die Fenster des beschaulichen Hauses standen vom arglosen Helden offen gelassen und so konnte ich auf dem Sims landen und einen kleinen Blick in das innere der Wohnung werfen. Zwei Tage waren bereits vergangen, seit ich aus Bereling aufgebrochen war und die Eilbotschaft des Kaisers hatte den tollkühnen Tjal bereits erreicht, so dass die Tomate bereits ihren Abmarsch vorbereitete.